Mama sein

Neid. Mein ungebliebtes Gefühl Die Sehnsucht nach etwas anderem

Ein Kind ist kein Garant dafür, dass du immer glücklich bist. Egal, wie sehr du es dir gewünscht hast. Es gibt Momente, da läuft dein Kopf Amok und spamt dich mit Gefühlen zu, die du nicht haben willst.

Mir ging es so, als mir eine gute Freundin vor etwas über einem Jahr erzählt hat, dass sie und ihr Freund ein Kind erwarten.

Den Text habe ich in der damaligen Situation geschrieben, und er soll zeigen dass man als freiwillig Alleinerziehende auch mal mit blöden Gedanken und Emotionen zu kämpfen hat. Obwohl es rein objektiv keinen Grund dazu gibt.

Ja, ich bin neidisch!

Ich dürfte jetzt ruhig mal jubeln.

Eine Freundin ist schwanger. Sie wollte immer schon Kinder, ganz viele. Und sie ist Anfang 30 und muss mit der Produktion ja mal irgendwann an den Start gehen.

Also warum dann diese warme Salzsuppe, die mir übers Gesicht plätschert?

Neid. Ja, ich bin tatsächlich neidisch auf sie. Hab eigentlich nicht den geringsten Grund dazu, aber ich merke, wie sich einige Gedanken in meinem Kopf festsaugen.

  • Ich dachte, ihr Freund liebt sie gar nicht
  • Wieso hat sie mir vor Kurzem noch gesagt, sie wolle sich noch Zeit lassen mit dem Nachwuchs?
  • Ob es wohl ein Unfall war?

Mir ist düddelig.

Muss mich hinsetzen. Lieber liegen. Erstmal das Gebrabbel in meinem Kopf sortieren.

Und verstehen, was ich unbegreifbar finde: Ich bin doch kein neidischer Mensch. Ich gönne doch anderen ihr Glück. Was ist denn plötzlich los mit mir?

Ich habe mein eigenes kleines Wunder. Das gerade selig neben mir träumt.

Streng genommen bin ich also schon einen Schritt weiter als meine Freundin. Wenn ich es als Wettbewerb sehen würde.

Tu ich aber nicht. Anders: WILL ich gar nicht. Wettbewerbe haben mich schon immer unter Druck gesetzt. Mich komplett paralysiert. Dann ging gar nichts mehr.

Eigentlich genau wie jetzt. Wenn ich gerade zufällig auf der Autobahn stehen würde, müsste ich darauf hoffen, dass alle anderen ausweichen. Ich kann’s gerade nicht.

  • Was hat es bloß mit diesem lähmenden Gefühl auf sich?
  • Was möchte ich denn haben, was sie hat?

Ein Kind? Habe ich schon.

Nochmal schwanger sein? Ja, vielleicht. Ich hatte eine wunderschöne Schwangerschaft.

Oder einen Mann? Autsch.

Einen Mann, der mich liebt und gerne Vater meines Kindes werden will? Nerv getroffen. Jetzt heule ich schon wieder.

Sie hat bald eine NORMALE Familie. Eine, über die niemand die Nase rümpft. Die niemand hinterfragt. Die gesellschaftlich völlig akzeptiert ist.

Anderssein als Mangel?

Neid ist auch eine Mischung aus Wut über denjenigen, der Neid auslöst und Trauer über den eigenen Mangel.Dunja Voos

Als Singlemama musst du dich mit dem Gedanken auseinandersetzen: Bei uns ist es anders. Wir sind anders.

Klar, das hast du ja auch irgendwie so geplant – und deine Form der Familie ist ja nicht schlechter als andere. Und vielleicht habe ich gar nicht das Recht dazu, mich so zu vergleichen. Weil meine Situation eine vollkommen andere ist.

Ich hätte ja schließlich auch eine Familie mit Vater, Mutter, Kind haben können. Mit einem Mann, der mich unbedingt als Mama seiner Kinder haben wollte, bis ich gespürt habe: Das kann ich nicht mit ihm. Es fühlte sich falsch an.

Selbst schuld.

  • Warum klingt es wie eine Anklage an mich?
  • Ist es die Angst, dass ich einen Fehler gemacht habe, damals?
  • Oder hätte ich es einfach drauf ankommen lassen sollen bei meinem letzten Freund, der keine Kinder wollte?

Dann wäre ich jetzt auch eine von den Frauen, über die niemand tratschen muss. Und hätte eine Familie, für die ich mir keine Erklärung ausdenken muss, wenn ich gefragt werde, wo der Vater meines Kindes ist.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr sehe ich, wie sehr ich die Gesellschaft in die ganze Sache reinziehe. Nur weil bestimmte Konstellationen normal und akzeptiert sind, müssen die ja nicht mehr wert sein als andere.

Und nur weil meine Freundin bald auch Mama ist, bedeutet das nicht, dass sie automatisch glücklicher ist als ich. Selbst mit einem Mann an ihrer Seite.

Aber es gibt da noch eine andere Sache, die mich beschäftigt. Meine Freundin kann noch viel mehr Kinder bekommen. Einfach so.

Und wenn ich mich auch nochmal für ein Kind entscheiden sollte, dann ist das eine Frage des Geldes. Und damit meine ich nicht mal, dass ich mir ein Kind leisten können muss, wenn es auf der Welt ist.

Ich meine den Zeitraum BEVOR ich schwanger werde. Die Kosten für Medikamente, für Spendersamen, für die Insemination oder die IVF. Und je älter ich werde, desto mehr Versuche werde ich brauchen. Wie viele kann ich mir leisten? Wenn ich kindbedingt nur noch in Teilzeit arbeite und dadurch deutlich weniger verdiene als bisher.

Welche „Opfer” bin ich bereit, für ein zweites Kind zu geben? Was kann ich mir überhaupt zu dem Zeitpunkt leisten? Finanziell und auch emotional.

Und wie gehe ich damit um, wenn es einfach nicht mehr klappen will?

Ich kann ja nicht bei jeder Freundin, die noch ein zweites, drittes, viertes Kind bekommt, in Tränen ausbrechen oder die Freundschaft aufkündigen.

Emotionales Chaos

Ganz großes emotionales Chaos.

Kein Wunder, schließlich ist Neid ein ziemlich komplexes Geflecht aus Angst, Wut und Traurigkeit, eine emotionale Mischfarbe, wie es der Frankfurter Sozialpsychologe Professor Rolf Haubl umschreibt.

Für meine Situation heißt das übersetzt: Ich bin traurig, weil ich keinen Vater für mein Kind habe, wütend, dass meine Freundin genau das hat und ängstlich, weil ich mich für unfähiger halte als sie und es nicht hinbekommen habe, eine „normale“ Familie zu gründen.

So viele unschöne Empfindungen auf einen Schlag. Damit musst du erstmal umgehen. Und dafür ist es wichtig, das Gefühl einzugestehen. Damit du dich auf die produktive Seite konzentrieren kannst, darauf was der Neid über dich aussagt.

  • Was wünscht du dir?
  • Was vermisst du?
  • Was fehlt dir?
  • Warum beneidest du gerade diese Person?
  • Und um was eigentlich genau?

Neid hat immer auch die Macht wachzurütteln, dich zu hinterfragen wie du das erreichen kannst, was du so gerne hättest. Und dir klarzumachen, ob du das auch anders erreichen kannst.

Was mich ein wenig beruhigt: Jeder ist mal neidisch, selbst die, die es leugnen. Aber nur wenige geben es offen zu, zu tabuisiert ist das Gefühl in der Gesellschaft. Kinder ja, die dürfen neidisch sein. Aber ein Erwachsener? Nicht ohne Grund ist Neid eine der christlichen Todsünden.

Interessant finde ich, dass Neid viel mit der eigenen Interpretation zu tun hat. Mit dem was du über die Gefühle des anderen zu wissen glaubst, wie der Grazer Psychoanalytiker Ulf Lukan es ausführt. Wenn du eine andere Frau um ihre Schwangerschaft beneidest, dann geht es dir nicht darum, dass du genau diese Schwangerschaft und genau dieses Baby haben möchtest. Vielmehr wünscht du dir auch dieses Gefühl, das du bei dieser Frau vermutest. Glück beispielsweise.

Aber wie formulierte es der dänische Philosoph Kierkegaard doch so schön: Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.

Und weil die meisten Menschen dazu neigen, andere für glücklicher zu halten, als sie es sind, schneidet man selbst oft schlechter ab. Das führt dazu, dass man sich dadurch als niedergeschlagener, unglücklicher empfindet als die Mitmenschen, wie eine Studie der kalifornischen Stanford University belegt.

Zwei Lösungsansätze (mehr davon gibt’s hier):

  1. Vergleiche dich nicht mit denen, die mehr haben als du, sondern mit denen, die weniger haben
  2. Versuche einen Perspektivwechsel und schlüpfe in die Rolle des Beneideten: Welche Vorteile hat es, alleine ein Kind zu haben? (Hierzu empfehle ich diesen sympathischen Beitrag von Jennifer auf ihrem Blog Planningmathilda)

Ich hatte zu jedem Zeitpunkt das Gefühl, dass ich durch meine Entscheidung, alleine ein Kind zu bekommen, ziemlich viel Energie in mir angesammelt hat. Ich war noch nie so entschlussfreudig bei einer Sache, hatte noch nie ein so tolles Gefühl, als ich den Weg als alleinerziehende Mama gewählt habe.

Aber gerade kommt es mir vor, als würde sich mein inneres Selbstbewusstseinsgefäß nach und nach leeren.

Weil mir jemand vor Augen führt, dass ein Teil in mir immer noch die Sehnsucht hat, jemanden zu haben, der sein Leben mit uns teilt. Der mich einfach mal in den Arm nimmt, wenn sich meine Gedanken wieder verlaufen, ich eher meine Defizite sehe, als das, was ich habe.

Woher kommt bloß dieses Bedürfnis, mehr haben zu wollen, als das was ich habe? Wenn ich so an die Sache rangehe, dann werde ich nie zufrieden sein, werde immer irgendwann das Gefühl haben, noch mehr zu wollen.

Neben mir öffnen sich zwei kleine Äuglein, grinsen mich frech an.

Aber vielleicht ist es gar nicht so wichtig, dass dieser Jemand mein Partner ist. Vielleicht genügt es auch einfach, jemanden in meinem Leben zu haben, den ich über alles liebe.

Und den habe ich ja schon.

Ein Kommentar

  • Fran

    Du bist genial. Die Vorteile mit Kind vom Samenspender überwiegen für mich 100%ig. Es ist dein Kind. Keiner kann dir Stress wegen Sorgerecht Unterhalt etc machen. Ich selber erziehe allein 3 Kinder mit alleinigen Sorgerecht ohne Beiträge der Erzeuger, da diese sich nicht interessiert haben. Im Vergleich zu ae Müttern mit geteiltem Sorgerecht leben wir in Paradies. Klar, finanziell kann es knapp sein. Bin gut ausgebildet und verdiene gut. Außerdem kann ich mir als Single mom meine Partner aussuchen und entscheiden, ob oder wie weit sie teilnehmen am Familienleben.
    Dein Familienmodell ist das Modell der Zukunft für Mutter die finanziell, organisatorisch, emotional etc unabhängig leben wollen.

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