“Es war nie verboten, alleinstehende Frauen in Deutschland zu behandeln.” Laborleiterin Ann-Kathrin Klym über die Samenspendentherapie bei der Berliner Samenbank

Auch wenn die Berliner Kinderwunschtage am 07. und 08. März 2020 (vermutlich) aufgrund des Corona-Virus’ ziemlich zusammengeschrumpft waren, gab es einige spannende Vorträge anzuhören. Einer davon war Die Samenspendetherapie – vom Erstkontakt zum Baby von der Diplom-Ingenieurin in medizinischer Biotechnologie Ann-Kathrin Klym, die als Laborleiterin bei der Berliner Samenbank arbeitet. Seit dem 1. Juli 2018 dürfen auch Singlefrauen Sperma über diese Samenbank beziehen, was ein guter Grund für mich war, mir den Vortrag anzuhören. Ann-Kathrin Klym beantwortet verschiedene Fragen rund um den Ablauf der Spenderauswahl, erläutert die Kriterien, die ein Samenspender erfüllen muss, um zugelassen zu werden und warum die Kosten für die Proben der Samenspender so hoch sind. Auch erfahre ich, was ein Spender-Burnout ist, warum eventuell bald Homosexuelle als Spender zugelassen werden könnten und wie bzw. wann man seine Kinder aufklären sollte, wenn sie von einem Samenspender abstammen. “Die Berliner Samenbank wurde 1999 gegründet und existiert somit über 20 Jahre. Es gibt deswegen auch schon die ersten volljährigen Spenderkinder, die über Spendersamen der Samenbank gezeugt wurden. Uns ist es ein Anliegen, mit allen Akteuren in Kontakt zu bleiben, natürlich auch mit den Spenderkindern. Deswegen ist uns die Perspektive der Kinder wichtig, die aus dieser Samenspende entstanden sind. Das ist ein ganz wertvoller Beitrag, weil wir so die Perspektive der Betroffenen in unsere Arbeit mit einfließen lassen können. Seit 1999 sind ungefähr 1.000 Kinder entstanden. Das entspricht circa 50 Kindern pro Jahr, wobei diese Tendenz ansteigend ist und das eher exponentiell. In den letzten Jahren haben viel mehr Personengruppen Samenspenden in Anspruch genommen, was auch damit zusammenhängt, dass wir uns auch für alleinstehende Frauen geöffnet haben. Dadurch gibt es immer mehr Kinder, die durch eine Samenspende entstanden sind. Es gibt einige juristische Grundlagen, die wichtig für uns sind. Seit 2007 sind wir nach dem Arzneimittelgesetz zugelassen. Das sind die Paragrafen 20 B und C. Paragraf B regelt die Gewinnung von Gewebe und die Laboruntersuchungen, Paragraf C die Verarbeitung, Lagerung und das Inverkehrbringenden von Gewebe. In gewisser Weise werden Samenzellen wie ein Arzneimittel behandelt. So kann man sicher sein, dass man das “Produkt” bekommt, was die Sicherheit eines Arzneimittels aufweist. Zusätzlich unterliegen wir dem Transplantationsgesetz. Das heißt: Alle unsere Spender sind nach diesem Transplantationsgesetz getestet und zur Spende freigegeben worden. Die TPG-Gewebeverordnung, die Arzneimittel-Wirkstoffeherstellungsverordnung und, seit 2018, auch das Samenspenderregistergesetz (SaRegG). Wir als Samenbank bilden die Schnittstelle zwischen allen Beteiligten. Das sind einerseits die Samenspender, die Kinderwunschzentren, die unterschiedlichen Gruppen an Empfängern, die Spenderkinder und alle möglichen Organisationen, die irgendwie mit dem Thema Samenspende zusammenhängen. Es gibt einmal den Arbeitskreis für Donogene Insemination, der 1996 gegründet wurde, weil es keine staatliche Regulierung gab, die die Arbeit von Samenbanken steuert. Im Arbeitskreis haben sich alle deutschen Samenbanken, die nach dem Arzneimittelgesetz zugelassen sind, zusammengetan, ihre eigenen Richtlinien erstellt und versucht, Qualitätsstandards zu erarbeiten, die auch regelmäßig verbessert werden. Dann gibt es das DI-Netz. Das ist eine Vereinigung von Familien, die durch Samenspende entstanden sind. Dort kann man nachlesen, wie es Familien geht, die durch eine Samenspendenbehandlung entstanden sind. Auch kann man verschiedene Erfahrungsberichte nachlesen. Wenn man Fragen hat, kann man sich ebenfalls dort hinwenden und schauen, ob man dort eine Antwort auf seine Frage bekommt oder aus den Erfahrungen der anderen schöpfen kann. Dann gibt es z.B. das Regenbogenfamilien-Zentrum, die sich speziell auf Regenbogenfamilien spezialisiert haben. Und die alle versuchen wir als Schnittstelle im Auge zu behalten und dahingehend zu vermitteln. Wenn wir sehen, es gibt ein Bedürfnis auf der einen Seite, versuchen wir das an die andere Seite weiterzuleiten und unsere Funktion zu nutzen, dass wir wissen, wer alle Beteiligten sind. Die Empfänger der Spendersamen setzen sich zusammen aus ungefähr 50% lesbischen Paaren, 30% heterosexuellen Paaren und 20% alleinstehende Frauen, die wir seit dem Samenspenderregistergesetz vom 1. Juli 2018 auch behandeln. Der prozentuale Anteil der Alleinstehenden steigt stark an. Eigentlich war es nie verboten, alleinstehende Frauen in Deutschland zu behandeln. Es war allerdings juristisch sehr unsicher, da der Samenspender nicht wirklich vor jeglichen Forderungen geschützt war. Durch das Samenspenderregistergesetz, an dessen Entstehung wir auch beteiligt waren, wurde ein zentrales Register beim DIMDI geschaffen. Dort werden die Spenderdaten für 110 Jahre hinterlegt. Das heißt: Jede auskunftsberechtigte Person, also jedes Kind, das durch eine Samenspende entstanden ist, hat damit potentiell das Recht, mit 16 Jahren auf die Daten des Spenders zuzugreifen. Damit wurde sichergestellt, dass jedes Kind, das durch eine Samenspende entstanden ist, auf seine Abstammungsdaten zugreifen kann. Dabei ist es immer wichtig, das Kind im Auge zu behalten. Wir empfehlen zu 100% einen offenen Umgang, wie das Kind entstanden ist. Aber das Kind soll selber entscheiden können, ob es die Identität des Spenders erfahren möchte oder nicht. Es ist ganz wichtig, dass man sein Kind begleitet und schaut: Was braucht das Kind? Es kommt auch vor, dass ein Kind sagt “Jetzt möchte ich wissen, wer der Spender ist” und sobald die Frage formuliert wurde merkt das Kind “Oh, irgendwie ist das gerade doch eine Nummer zu groß für mich”. Wir hatten beispielsweise mal ein 10-jähriges Kind, das die Anfrage nach seinem Spender gestellt hat. Aber zwei Wochen später kam die Nachricht des Kindes “Ich möchte es gerade doch nicht wissen. Aber es fühlt sich gut an, dass ich es jederzeit erfahren könnte.” Und es ist ganz wichtig, dass man das Ganze aus der Perspektive des Kindes sieht und sich als Eltern zurücknimmt. Von vielen Eltern erfahren wir, dass es ihnen unter den Nägeln brennt, zu wissen: Wer ist dieser Mann? Aber es ist das Kind, das das Tempo vorgibt. Das Samenspenderregistergesetz hat viele Vorteile, allerdings auch einige Nachteile. Und es gibt noch viel Verbesserungsbedarf. So gilt es beispielsweise nur für die ärztlich unterstützte künstliche Befruchtung. Das bedeutet: alle Heiminseminationen können dort nicht gemeldet werden. Alle Kinder, die darüber entstehen, haben nicht die Möglichkeit auf dieses staatliche Register zuzugreifen. Was möglich wäre, aber (noch) nicht vorgesehen ist: Eine freiwillige Meldung von Altfällen. Das heißt, alle Kinder, die durch eine Behandlung vor dem 01.07.2018 entstanden sind, müssen sich an ihre Samenbank wenden. Erst alle Kinder, die nach dem 01.07.2018 entstanden sind, können sich an diese zentrale staatliche Stelle, das DIMDI, wenden. Es gibt also in jedem Fall Nachbesserungsbedarf beim Samenspenderregistergesetz. Wichtig ist, dass durch das Samenspenderregistergesetz der Ausschluss der rechtlichen Vaterschaft des Samenspenders gewährleistet ist. Er hat also keine finanziellen oder unterhaltsrechtlichen Ansprüche zu befürchten. Es war sehr wichtig, dem Spender eine Schutzposition zu bieten. Die folgende Grafik stellt den Meldefluss dar: Als Entnahmeeinrichtung gewinnen wir den Samen und versehen diesen mit einer eindeutigen Spendenkennungssequenz. Diese wird mit an das Kinderwunschzentrum gesendet, sodass man eindeutig zuordnen kann, zu welchem Spender die Probe gehört und von welchem Abgabedatum sie ist. Das Kinderwunschzentrum muss die Patientin vor der Verwendung dieser Probe darüber aufklären, dass ihre Daten – im Falle einer Geburt oder wenn man davon ausgeht, dass ein Kind entstanden sein könnte, sich die Frau aber nicht zurückgemeldet hat – ihre Daten an das DIMDI übertragen werden. Die Frau ist eigentlich in der Pflicht, dem Kinderwunschzentrum zu melden, wenn ein Kind entstanden ist bzw. wenn sie schwanger oder nicht schwanger geworden ist. Wenn ein Kind geboren wurde oder wenn der Behandlungsausgang unklar ist, werden die Daten der Empfängerin an das DIMDI gemeldet. Dort lagern diese für 110 Jahre. Sobald diese Daten beim DIMDI eingehen, wendet sich das DIMDI an die Samenbank, fragt die Spenderidentität an und diese Spenderidentität wird dann ans DIMDI übertragen und dort, zusammen mit den Daten der Empfängerin, für 110 Jahre aufbewahrt. Ab dem Zeitpunkt besteht die Möglichkeit für eine auskunftsberechtigte Person, die Daten zu erfragen. Wenn später eine auskunftsberechtigte Person eine Anfrage stellt, wird der Samenspender informiert, dass seine Daten freigegeben werden. Vier Wochen nach der Anfrage erhält die auskunftsberechtigte Person diese Daten des Spenders, sodass diese Person eindeutig identifiziert werden kann. Es ist wichtig, wie man sein Kind darauf vorbereitet, wie und ob es Kontakt aufnimmt. An sich kann es Kontakt aufnehmen, aber natürlich möchte man den Spender auch nicht schocken, sodass es nicht gut wäre, die Adresse des Mannes ausfindig zu machen und dann dort aufzuschlagen. Stattdessen kann die erste Kontaktaufnahme dezent mit einem Brief erfolgen oder über eine E-Mail, wenn man die Adresse herausfindet, weil der Spender sich in der Zeit auch sein Leben aufbaut, vielleicht seine eigene Familie gegründet hat. Das sollte man bedenken, dass behutsam vorgegangen wird. Wir versenden deutschlandweit an Kinderwunschzentren. Alle Kinderwunschzentren, mit denen wir zusammenarbeiten, haben auch diese Herstellungserlaubnis nach dem Arzneimittelgesetz und nur an diese dürfen wir auch versenden. An normale gynäkologische Praxen ist der Versand leider nicht möglich. Wie der Versand und die Bearbeitung der Proben erfolgt ist in einem Kooperations- und Verantwortungsabgrenzungsvertrag geregelt. Wir versuchen, das Ganze so klimaneutral wie möglich zu machen; deswegen findet innerhalb der Stadt der komplette Transport nur mit Lastenrädern statt, überland dann klimaneutral. Das ist so ein Mini-Beitrag dafür, wenn wir Kindern dabei helfen, zu entstehen und dabei auch viel Labor-Müll produzieren. Sie würden sich als Empfängerin an uns wenden, dann würden wir Ihnen Infomaterial zuschicken und sie bekommen eine Liste, wie alles abläuft. Man braucht auf jeden Fall ein Kinderwunschzentrum und eine Samenbank. Diese Prozesse sollten gleichzeitig ablaufen, damit Sie sich um einen Samenspender kümmern und sich das Kinderwunschzentrum um die medizinischen Belange kümmert. Das Kinderwunschzentrum schaut vielleicht, sind die Eileiter durchgängig, macht eine Hormondiagnostik und so weiter. Das ganze sollte parallel laufen, damit man dann, wenn man im Zyklus starten möchte, bereits einen Spender ausgewählt hat. Wir verfügen über ein Potential von ungefähr 150 Spendern, das schwankt etwas. Die Tendenz derjenigen, die als Spender geeignet sind, ist stark rückläufig. Wer sind die Samenspender überhaupt? Das ist die große Unbekannte. Als ich vor neun Jahren in der Samenbank angefangen habe, zu arbeiten, waren für mich die Fragen: Sind das Leute, die einfach so von der Straße kommen? Kommen die nur ein Mal zum Spenden? Was sind das für Männer? Machen die das nur des Geldes wegen? Das sind Fragen, die sich in den letzten neun Jahren für mich geklärt haben. Es gibt kein wirkliches Gesetz, das vorschreibt, wie die Spender sein müssen. Aber der Arbeitskreis für Donogene Insemination hat sich Empfehlungen zur Spenderauswahl überlegt. Der Spender sollte volljährig und jünger als 40 Jahre alt sein. Wir haben bei der Berliner Samenbank eine Altersspanne von 20 bis 38 Jahre. 18 Jahre als volljährig erscheint uns ein bisschen jung. 20 Jahre ist zwar auch noch sehr jung, aber die 18-Jährigen wollen wir noch nicht gleich involvieren, weil der ganze Prozess der Samenspende mit einem hohen psychischen Aufwand verbunden ist. In England ist das Phänomen Samenspende sehr gut erforscht und da gibt es den wissenschaftlichen Begriff “Spender Burnout”: Wenn also später die Kinderanfragen auf den Spender zukommen, kann der Spender das ganze psychisch und emotional gar nicht händeln. Deswegen ist eine 18-jährige Person vielleicht noch nicht ganz in der Lage abzuschätzen, was das für Konsequenzen haben kann. Wir versuchen dem vorzubeugen, indem wir die Samenspender gut aufklären, indem wir ihnen nahelegen, ein psychologisches Beratungsangebot für sich selbst in Anspruch zu nehmen, weil er dann doch unter ziemlichen Druck geraten kann. Da gibt es einige Männer, die abspringen, wenn wir ihnen sagen, dass es ziemlich stressig werden kann. Sie schieben das vielleicht jetzt von sich weg, aber in 20 Jahren kommen die Kinder, und dann ist der Zeitpunkt da, wo bis zu 15 Kinder hinzukommen können. Damit muss man umgehen können, neben den eigenen Kindern, die man selbst auch noch hat und der Familie. Dann sollte der Spender in guter körperlicher und seelischer Verfassung sein, frei von übertragbaren Erkrankungen – welche das sind, sind in der TPG-Gewebeverordnung festgelegt –, freiwillig und nicht aus Not heraus spenden. Außerdem sollte er keiner Risikogruppe angehören. Das würde, per Definition, Homosexuelle ausschließen. Aber der Arbeitskreis Donogene Insemination überlegt, dieses Kriterium aus den Empfehlungen rauszunehmen, weil sie mittlerweile 25 Jahre alt sind. Statistisch ist es zwar so, dass in Risikogruppen bestimmte Erkrankungen wie HIV und Hepatitis häufiger vorkommen. Aber wir führen bei jeder Spende auch eine Blutuntersuchung durch, und nur die Proben, die 100% infektionsfrei sind, werden auch freigegeben. Das heißt: man müsste die Sicherheit dieser Bluttests anzweifeln, sodass ich persönlich auch nicht hinter diesem … “Es war nie verboten, alleinstehende Frauen in Deutschland zu behandeln.” Laborleiterin Ann-Kathrin Klym über die Samenspendentherapie bei der Berliner Samenbank weiterlesen